Testbericht
aus Zeitschrift „abenteuer und reisen“ Oktober 10/2003, Seite 88:
Ausprobiert
Anzug
mit Nehmerqualitäten
Ein
hautfreundlicher, knitterfreier und zur Not waschbarer Anzug für Vielreisende?
Wir haben ihn
entdeckt - und hart getestet.
Was
passiert, wenn Druck und Feuchtigkeit zusammen auf einen Stoff einwirken?
Passiert das gewollt, gezielt und gekonnt und mittels Dampfbügeleisen, wird die
Kleidung glatt und ansehnlich. Ganz anders ist das beim Sitzen mehr oder minder
schwerer Menschen in schwülheißer Luft. Dann gibt es Falten hässliche Falten
im Kniebereich, im Schritt und im Rücken. Und wehe, beim Business-Lunch geht
einmal etwas daneben. Dann ist das gute Stück reif für die Reinigung.
Anzüge
aus Kunstfaser sind nicht die Ideallösung. Sie nehmen zwar weniger Geruch an
und lassen sich leichter pflegen, aber die haptischen Qualitäten sind alles
andere als Lust spendend. Naturfaser ist einfach angenehmer zu tragen - und schöner.
Wer nach dem optimalen Anzug für Vielreisende sucht, stößt mit etwas Glück auf
die Firma Binzberger. Das Modehaus
in Friedrichshafen vertreibt das textile Ei des Kolumbus unter dem Namen
Smartguarde Mobile klingt zwar eher nach Bodyguard-Service mit Handy, ist aber
ein flotter Anzug (Foto) aus ganz speziell gewebter Schurwolle, der laut
Anbieter nicht knittert und keinen Geruch annimmt. Elastisch und waschbar soll
er darüber hinaus sein natürlich nicht in der Waschmaschine, das machen
Futter und Polster nicht mit. Aber kleinere Flecken auf Ärmel, auf Hose oder Revers bekommt man ja schon unter
dem Wasserhahn raus.
Der Praxistest beginnt. Messe Berlin. Scheinwerfer knallen von der Decke,
Menschenmassen schieben sich durch die Hallen. Es ist heiß, richtig heiß. Man
sitzt auf unbequemen Stühlen mit Plastiksitzfläche (wunderbares Mikroklima!).
Da bügeln Körperflüssigkeit und der Pressdruck aus den eigenen 90 Kilo Falten
genau dorthin, wo sie nicht hingehören. Ein Stunde Gespräche, dann zum nächsten
Termin. Man schwitzt, man sitzt, man anarcho-bügelt wieder. Und am Abend ist
die Hose üblicherweise an den neuralgischen Punkten multipel gefaltet, wie eine
Zieharmonika. Nicht so das Testobjekt.
Also weiter zum stundenlangen Dinner auf modernen Kunststoff-„Sitzmöbeln“.
Und anschließend ein Absacker in einer Berliner Eckneipe. Man ist müde, stützt
sich mit den Armen auf den Tresen und schon saugt der Stoff die übersehene
kleine Lache aus Zigarettenasche und klebriger Cola auf.
Zurück im Hotel steht eine partielle Handwäsche an, um den Fleck zu entfernen.
Dann wandert der Reiseanzug bös, ganz bös! - ins Badezimmer. So lang duschen,
bis es wild dampft. Der Anzug saugt sich mit Feuchtigkeit voll und fliegt dann
auf den Sessel zum Knittertest obendrauf noch eine schwere Tüte, um den Druck
zu steigern. Das muss jetzt aber wirklich knittern!
Am folgenden Morgen ist der Anzug so gut wie faltenlos. Der Ärmel fleckenfrei.
Der Binzberger´sche Anzug hält in der Tat, was er verspricht. Kaum zu glauben.
Und eines ist klar: Lange, bevor der Anzug Falten wirft, tut das sein Träger.
Peter Pfänder
UNSER
TESTURTEL
knitterfrei 5
pflegeleicht 4
Fashion-Faktor 2
Tragekomfort 5
Preis/Leistung 4
(Vergebene Punkte auf einer Scala von 1
bis 5)